Hatte ich nicht mal vor ein paar Wochen hier im Forum irgendwas von Kellerkindern und trojanischen Pferden gelesen? So, dann wollen wir heute mal in den Keller hinabsteigen und eines dieser vermeintlich zum trojanischen Pferd mutierten Kellerkinder an das Licht zerren…
Man kann schon behaupten, dass es Bowie gelungen ist, mit „Let
s Dance einen Millionenseller mit minimalen Songwriter-Aufwand auf den Markt geworfen zu haben. Mit “Modern Love”, „Lets Dance“, „Shake It“, „Without You“ und „Ricochet“ gibt es tatsächlich nur 5 neue Kompositionen. Minimaler Aufwand maximaler Nutzen. Darüber hinaus gab es noch mit „Cat People“ und „China Girl“ ein mehr oder weniger gelungenes Recycling alter Bowie-Kompositionen und zu guter Letzt noch die Coverversion „Criminal World“, mit der wir uns heute beschäftigen wollen: „Criminal World“ wurde 1977 von den New-Wave-Boys „Metro“ rund um Peter Godwin auf Ihrem selbstbetitelten Album veröffentlicht. Mehr oder weniger zufällig bin ich beim Stöbern in einer Plattensammlung über diese Glam-Pop-Platte gestolpert. Das Cover zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich war überrascht, das Original von „Criminal World“ gefunden zu haben. Bislang hatte mich dieser Song nie wirklich interessiert, plätschert er doch relativ belanglos auf der zweiten Seite der „Let`s Dance“ Scheibe vor sich hin. Beim Auflegen des Originals kam dann aber sofort die Offenbarung, was für ein großer Song „Criminal World“ in Wirklichkeit ist. Eine Fusion bisexueller Glam-Fantasien mit New-Wave-Elementen. Und dass schon im Jahre 1976. Eine New-Wave-artige Wiederkehr des „Rebel Rebel“-Subjects.
Das Recherchieren nach „Metro“ und Criminal World“ gab dann wenig her und selbst Nicolas Pegg bleibt seltsam dünn und vage bei der Interpretation dieses Songs. Er erwähnt zwar, dass „Criminal World“ aufgrund seiner subversiven Lyrics von der BBC auf dem Index war und nicht gespielt werden durfte. Aha! Leider geht er aber auf die textlichen Nuancen nicht tiefergehend ein, schlussfolgert aber, dass es nur logisch war, Anfang der Achtziger im Aufkommen von Ziggy-Verehrern wie Boy George oder Marc Almond auf diesen Song zurückgegriffen zu haben.
Aber war es das wirklich und haben wir hier so etwas wie das oben angedeutete trojanische Pferd, nämlich einen glatten Pop-Song mit kontroverser Botschaft?
Deutlicher wird in diesem Kontext Chris O’Leary welcher auf seinem Blog „The Dame“ einen überragenden Essay über „Criminal World“ geschrieben hat, und zu der Erkenntnis kommt, dass die Neuinterpretation ein Fehler war, einer der wenigsten edlen Momente im Werke Bowies. Was mag passiert sein, um O’Leary zu dieser Aussage zu bewegen? Zwar coverte Bowie dieses „Criminal World“, aber er entschärfte auch die Lyrics, so dass auf diesem durch und durch für die breite Masse ausgerichtetem Werk „Let`s Dance“ niemand, auch kein hinterwäldlerischer Spießer sich daran stören konnte.
Criminal World | Pushing Ahead of the Dame
Die Metro”-Zeile “I saw you kneeling at my brother's door” wurde bei Bowie beispielsweise zu “You caught me kneeling at your sister's door” und somit aus der Stimme eines Mannes jeder homosexuellen Anrüchigkeit genommen. Einige Zeilen werden gänzlich unterschlagen und somit scheinbar entschärft. Auf „The Dame“ gibt es eine strittige Diskussion zu Bowie, Homosexualität sowie den textlichen Veränderungen in der Bowie-Interpretation, wobei der Großteil der Kommentare O’Leary zustimmt und Bowie Angepasstheit und Feigheit unterstellt.
In den Kommentaren habe ich auch den Auszug aus den Peter Godwin Linernotes der im Jahre 1988 veröffentlichten Metro Werkschau “Images Of Heaven“ gefunden:
“This song was written back in 1974. It plays around with the sexual confusion of the time [hey, so nothing changes!], when all the young dudes were pretending to be killer queens, even if they were really virgins, celibates, or rampant heterosexuals! The band I sang with Metro, recorded this as our debut single in 1976 and oh sweet irony, the guy who started all of this confusion among English adolescents, and was the main influence behind the lyrics, David Bowie, recorded it for his 1983 album, “Let’s Dance.” This was extremely nice for Duncan Browne, Sean Lyons, and myself who wrote it, as it sold more than a few million copies. A long overdue thank you David! By the way, the Metro single was banned by English radio at the time, because of the “sexual” nature of the lyrics! I don’t think they understood the half of it!” – Peter Godwin
Die Urheber bedanken sich artig, denn einige Millionen verkaufte Platten werden wohl auch einiges an Tantieme eingebracht haben. Inhaltlich fühlen sie sich geadelt, dass Bowie für die Lyrics im Jahre 1974 die Hauptinspiration war und gehen überhaupt nicht darauf ein, dass Bowie „Criminal World“ später inhaltlich entschärft und somit den Kern der Botschaft verleugnet hat.
Tja, eine interessante Geschichte, aber haben wir es nun hier abschließend mit einem zum trojanischen Pferd mutierten Kellerkind zu tun? Der Song ist großartig, die Bowie-Interpretation schwach. Wäre dieser Song in dem Stil der Moroder „Cat People“-Version produziert worden, wäre dieser vermutlich ein Bowie-Gänsehaut-Klassiker. Aufgrund der textlichen Modifikation taugt der Song auch nicht als trojanisches Pferd der homosexuellen Subkultur, allenfalls als entschärfte Bombe. Was bleibt ist eine mittelmäßige „Middle of the Road“-Interpretation, die es zumindest auf die B-Seite der 4. „Let`s Dance“ Auskoppelung „Without You“ gebracht hat. Hier wäre mehr drin gewesen, sowohl musikalisch als auch inhaltlich!