Petralpz schrieb am 20.06.2021, 00:01 :
Heathen ist das Album auf dem die meisten meiner Lieblingssongs von Bowie sind. Afraid gehört nicht dazu. Aber ich mag den Song sehr und er ist zu gut, um ihn in den Archiven verschwinden zu lassen, sagte sich wohl auch David. Afraid passt zu Heathen, als wäre er für das Album geschrieben. Musste 'Toy' sterben, damit 'Afraid' leben konnte?
Geschrieben hat er den Song während der Toy Sessions im Jahre 2000. Die Toy-Sessions pausieren ein paar Monate nach der Geburt von Lexi und wurden 2001 fortgeführt. Er produzierte das Album zusammen mit Mark Plati. Auf dessen Mini-Stratocaster-Gitarre schrieb er den Song. @sway99 sagte vor kurzem "Unser Freund kann auch unter Druck abliefern".
Und er stand unter Druck, diesmal aber nicht unter dem der Plattenfirma, sondern es tickte die Studiozeit. Studios sind teuer....Also schickte Plati ihn in die Looking Glass Lounge und sagte ihm, er solle nicht zurückkommen, bis er die Ware hatte. Da es sich um Bowie handelte, kam er tatsächlich mit einem frischen Song zurück, den er „Afraid“ nannte.
Mark Plati erinnert sich:
Bowie hört bei "Afraid" noch einmal ganz tief in sich hinein. Davon ausgehend, dass Liebe und Angst die zwei Hauptfaktoren sind, die das Leben eines Menschen (bewusst sowie unbewusst) bestimmen, ist der Protagonist es leid, immer wieder ein Opfer seiner Unsicherheit und Angst zu sein. Dinge – wie sich klein zu fühlen – sind zu übermächtig; du fühlst dich immer ängstlich und allein. Außerdem fragst du dich, was zum Teufel sich verändert hat – was das Leben so wunderbar gemacht hat, als du glücklich warst.
Ich kenne solche Zeiten auch, leider.
Afraid“ enthält die Zeile „I believe in Beatles“ – eine Umformulierung von John Lennons berühmter Aussage „I don’t believe in Beatles/I just believe in me“ aus seinem Song „God“ von 1970. Bowie war ein Fan des John Lennon/Plastic Ono Band- Albums. Im Song 'God' singt Lennon weiter "I just believe in me, but now I'm reborn, but now I'm John" Der Verweis auf John Lennons Song ist brilliant. Er vermittelt mit großer Sparsamkeit Optimismus. Denn man brauch ja auch keine Angst haben, wenn man an sich selbst glaubt. Der Verweis auf die Liebe fehlt auch nicht "Yoko and me". Die Antwort auf "Afraid". Er ist genial dieser Song von John Lennon. Mir fällt wieder ein, warum ich ein so großer Fan von ihm war und bin. Sollte ihn öfter hören.
In einem Interview betonte Bowie, dass "Afraid" nicht autobiografisch sei:
David war der Meinung, dass Afraid ein guter Livesong werden könnte, deshalb packte er ihn mit auf "Heathen". Aber im Gegensatz zu "Slip Away" der 2. Toy Song, der es rüber schaffte, wurde Afraid nicht neu aufgenommen. Visconti fügte nur Overdubs hinzu, spielte selbst den Bass und mischte den Song neu ab. Viscontis „Afraid“ war eine Reduzierung, eine Neuausrichtung, und seine Änderungen trugen dazu bei, die unruhige Stimmung des Songs zu schärfen. Er gab Raum und Perspektive.
Tony Visconti würde später sagen, dass Bowie durch die Weigerung des Labels, Toy zu veröffentlichen, "schrecklich verletzt" wurde und David verließ Virgin/EMI und gab im März 2002 bekannt, dass er eine Vereinbarung mit Columbia Records unterzeichnet hat , um stattdessen das neue Album Heathen über sein eigenes ISO-Label zu veröffentlichen.
Ein Auszug aus dem frühen Mix von 'Afraid' erschien im November 2001 in einer Fernsehwerbung für XM Radio mit Bowie, etwa sieben Monate vor der Veröffentlichung bei Heathen .
Lyrics
I wish I was smarter
I got so lost on the shore
I wish I was taller
Things really matter to me
But I put my face in tomorrow
I believe we're not alone
I believe in Beatles
I believe my little soul has grown
And I'm still so afraid
Yeah, I'm still so afraid
Yeah, I'm still so afraid
On my own
On my own
What made my life so wonderful?
What made me feel so bad?
I used to wake up the ocean
I used to walk on clouds
If I put faith in medication
If I can smile a crooked smile
If I can talk on television
If I can walk an empty mile
And I won't feel afraid
No I won't feel afraid
I won't be, be afraid anymore
Anymore
(And then I just won't be afraid)
Anymore
(And then I just won't be afraid)
Bowie und Plati führten am 2. November 2000 während eines BowieNet-Webcasts eine Live-Version von 'Afraid' auf. Es war das erste Mal, dass das Lied öffentlich aufgeführt wurde.
Die Toy- Version, ohne die Overdubs, die später von Bowie und Tony Visconti hinzugefügt wurden, ist im März 2011 zusammen mit dem Rest des Albums online durchgesickert. Berichten zufolge handelte es sich um frühe Mixe, die von einem von Mark Plati gestohlenen Laptop stammen.
David Bowie hat 'Afraid' 67 Mal live gespielt, hauptsächlich während der Heathen Tour und der A Reality Tour. Die erste Aufführung fand am 10. Mai 2002 während einer MTV-Veranstaltung beim Tribeca Film Festival 2002 statt.
Afraid ab 10:40
Die erste vollständige konzertante Aufführung von „Afraid“ fand am 11. Juni während einer Aufwärmshow vor der Tour im New Yorker Roseland Ballroom statt.
Afraid ab Minute 54:37
Late Night Show Canon O'Brien 2002, meine Lieblingsinterpretation von Afraid. Danke @ezaube fürs hochladen.
Hier noch eine animierte Version der Show
Berlin 2002
Afraid - Paris 2002
Afraid - Wien 2003
Afraid Riverside 2003
Afraid - Japan 2004
LG
Petra
„Afraid“ ist ein Stück, das sich bewusst im Halbdunkel aufhält. Ein stilles Kammerspiel.
Musikalisch ist „Afraid“ nahezu asketisch gebaut. Ein schwebendes Fundament, gedämpfte Elektronik, zurückhaltende Harmonien. Nichts drückt, nichts treibt. Der Song bewegt sich, als ginge er über dünnes Eis: vorsichtig, tastend, jederzeit gefährdet. Bowies Stimme steht im Zentrum, kühl kontrolliert und zugleich brüchig. Er spielt Angst nicht aus, er beobachtet sie. Keine Theatralik, kein Ausbruch, sondern das präzise Registrieren eines inneren Zustands.
Textlich kreist „Afraid“ um eine Angst ohne Objekt. Keine klar benennbare Bedrohung, keine Allegorie, kein Gegner. Stattdessen dieses diffuse Unbehagen, das entsteht, wenn Gewissheiten porös werden. Bowie schreibt aus Distanz, nicht aus Panik. Angst erscheint hier als Zustand, nicht als Ereignis. Genau darin liegt die Schärfe des Songs. Er erklärt nichts und trifft gerade deshalb.
„Afraid“ ist kein klassisches Highlight. Kein Song für den ersten Zugriff. Aber er bleibt. Gerade weil er sich verweigert. Ein spätes Bowie-Stück, das zeigt, wie wirksam Zurückhaltung sein kann und wie beunruhigend es wirkt, wenn jemand der Angst nicht ausweicht, sondern ruhig neben ihr stehen bleibt.
Reinhold