Neuköln | SdT 20.06.2020

sway99
SdT Orga
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20.06.2020, 06:54 Uhr
Neuköln

Wochenende:  Wir haben hoffentlich alle ein wenig mehr Zeit und können uns zumindest gedanklich und akustisch in den Südosten Berlins begeben: Dort widmen wir uns bizarren und eigenwilligen Tönen: Nämlich dem mitunter außergewöhnlichen Saxofon-Spiel des Mr Jones. Bowie lernte in früher Jugend das Saxofon zu spielen und so kam es dann in auch fast in jeder Phase  zum Einsatz. In seltenen Fällen hatte er Ausnahmekünstler wie David Sandborn (1974) und Don McCaslin (2015) am Start, in der Regel „trötete“ er selbst. Und auch für andere Künstler war Bowie am Saxofon aktiv. Im Jahre 1973 bat ihn die Band Steeleye Span (Plattencover – siehe unten) ein Saxofon-Solo beizusteuern. Und hört man sich nun das Saxophon-Solo auf “To Know Him Is To Love Him” an, so stellt man doch fest, dass die Art und Weise und auch die letzten Töne einem irgendwie bekannt vorkommen 😉

Gute 4 Jahre später recyclte Bowie der Legende nach, das Finale des “To Know Him Is To Love Him” -Saxophon-Solos in einer Berliner Altbauwohnung und formte mithilfe einer Klospülung die Klangcollage und heutigen Song des Tages „Neuköln“ (warum eigentlich nur mit einem  L?! - hatte ich es doch selbst auch in der Ankündigung und ersten Fassung falsch geschrieben -"God Only Knows"?!).

Rund 15 Jahre später holte David auf der Tin Machine „It`s my Life“-Tour das Saxofon aus dem Koffer und verwandelte „Betty Wrong“ in ein überlanges Epos mit Neuköln-Anklängen. Ansatzweise war dieses „neukölniserte“ „Betty Wrong“ beispielsweise in Hamburg am 24. Oktober 1991 (Danke @Guido für die Verifizierung) im „Docks“ zu hören:


Wahrscheinlich kann man, wenn man genau hinschaut, in den Publikumsaufnahmen die Haaransätze von Bluebird, Gunnar, Sonja und mir entdecken. Ganz kurz am Anfang und Ende des Ausschnitts sowie rund um Minute 6:05 ist Gunnars "Ziggy Stardust"-Platte im Bild. Ein Autogramm hat er zwar an dem Abend nicht bekommen, dafür hat Bowie die Platte, nachdem diese auf dem Bühnenrand lag, mit einem Stiefelabdruck versehen. Entsprechend lädiert sieht diese heute aus 😉.

Auf der weiteren Tour „neukölnisierte“ sich „Betty Wrong“ zunehmend und das ganze uferte dann zum Beispiel in Tokyo am 06.02.1992 gehörig aus. Satte 14 Minuten lang malträtierten Tin Machine das (arme? oder glückliche (?)) japanische Publikum:


Schon 2 Jahre zuvor, während der Greatest Hits Tour während „TVC 15“ überraschte Bowie am selben Ort das Publikum mit einem, nu ja (danke für die Interjektion @Station_U ) wie soll „man“ das beschreiben, recht eigenwilligen, von „TVC 15“ komplett losgelösten Saxofon-Solo:


Es gibt wahrscheinlich hunderte bemerkenswerte Saxofon-Einsätze des Mr. Jones. So beispielsweise „V2-Schneider“ welches Bowie mit seinem prägnanten Saxophonspiel trägt. Oder das Wunderschöne „Tiny Girls“ welches sich auf der B-Seite von Iggys „The Idiot“ versteckt und mit Bowies Saxofon-Spiel eröffnet wird. Das „Hunger-City“ -Saxofon in „Sweet Thing“ klingt nach Hoffnung und Verzweiflung zugleich! Auf „South Horizon“ können wieder eher jazzigere Einlagen bestaunt werden und beim Recherchieren und Durchblättern meiner Platten ist mir aufgefallen, dass Bowie auch auf „Black Tie White Noise“ alle Saxofone höchstpersönlich spielt. Vielleicht sollte „man“ unter dem Aspekt des Saxofon-Spiels auch hier nochmal reinhören und die Patte neu bewerten. Leider reicht mir gerade für dieses Unterfangen die Zeit nicht, und so verschieben wir das auf einen zukünftigen „Song des Tages“.

Zum Ausklang der Sway-Days bedanke ich mich an alle aktiven Hörer und Leser. Die „Bowieologen“ sind schon ein seltsames Volk 😉 Es hat mir viel Spaß gebracht, mich wieder mal mit einzelnen Songs / Werken / Phasen intensiv auseinander gesetzt zu haben, und wie das dann auch immer so ist, in den Querverweisen und Feedback-Schleifen auch einiges Neues und mir unbekanntes entdeckt. 

Für heute unter dem Deckmantel von „Neuköln“ wünsche ich mir ein wenig Aktivität und bitte alle Beteiligten, Ihre Bowie-Saxofon-Momente zu teilen und schließe mit der Fragestellung, ob wir nicht alle auch alle ein bisschen „Neuköln“ sind und übergebe hiermit an @Petralpz !
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sway99
SdT Orga
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20.06.2020, 11:11 Uhr
Das Rätsel um das fehlende Neukölln "L". Auf dem Cover durchgehend als Neuköln betitelt sind sich die Labels nicht einig  😉 4 Platten = 3 Schreibweisen?!
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Guido
The Mysteries
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20.06.2020, 16:21 Uhr
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Ich hab die deutsche Erstausgabe von Oktober 1977 und eine amerikanische, mit den Hund Nipper, dem Symbol für das Label His Masters Voice, gekauft bei Colony am Times Square Ostern 1979 -
(You found it at Colony war der Werbeslogan) der Plattenladen, in dem ziemlich zum Schluss des Films Der Mann der vom Himmel fiel die LP The Visitor gekauft wurde - und das Young Americans-Album hing darüber an der Wand.

Das Vinyl in den USA ist dünner, auf beiden ist die Schreibweise Neuköln mit einem L - was wohl als Wortspiel zu verstehen ist und sicher auch eine Bedeutung hat...Die Bezeichnung Neukölln mit zwei L stammt ja von dem Fischerdorf Cölln an der Spree, gegenüber von Berlin, aus denen dann die Stadt entstanden ist.

Moss Garden und Neuköln sind ja zwei zusammenhängende Stücke, die in einander übergehen. sphärische Klänge, die auch einen Leni Riefenstahl-Film untermalen können und einen düsteren und bedrohlichen Himmel vermuten lassen, der sich dann langsam aufhellt  - genau das hab ich dann vor Ort so empfunden, als ich Ostern 1978 zum ersten Mal in Berlin war - Gewitter, nachdem ich vor der Hauptstrasse 155 und dem Anderen Ufer gestanden hab und dann am Kleistpark in U7 eingestiegen bin - Neuköln ausgestiegen - obwohl das Zentrum ja eher in der Karl Marx-Strasse am Rathaus Neuköln liegt - die Treppe aus der alten U-Bahn-Station herauskommend, hatte der Regen aufgehört und die Sonne kam heraus....
Wenn der Mensch vom Himmel fällt, wird er keine Sterne zählen...
Ulli
SdT Orga
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20.06.2020, 19:17 Uhr
Pushing Ahead of the Dame (eine der hervorragenden Neuentdeckungen der jüngsten Bowiologie)  führt Einiges zum Thema Bowie und sein Sax aus. Ich höre hier durchaus kritische und nicht ganz so schmeichelhafte Töne. Er selbst hat in "Stardust Interviews" zu dem Thema gesagt: "Ich wollte Gerry Mulligan sein, aber ich hatte überhaupt keine Technik"...

Seht mir bitte die etwas quere Übersetzung nach, wer mag, nimmt lieber das Original:
neuköln | Search Results | Pushing Ahead of the Dame

Neuköln.
Neuköln (Philip Glass, "Heroes" Symphony, 1997).
Ich fand, dass ich keine sehr gute Beziehung zum Saxophon hatte und das dauerte bis zum Ende. Wir sind ziemlich verbittert miteinander. Es liegt dort und wartet darauf, dass ich es anfasse. Es trotzt mir (lacht). Ich muss wirklich durch Traumata gehen, um irgendetwas herauszubekommen, das etwas mit dem zu tun hat, was ich will. Es ist also keine feste Beziehung; es ist nicht gut.
David Bowie, 1983 ("Bowie es Saxophone Struggle", Steve Weitzman, Musician).
David Bowie begann als Saxophonist: Es war seine einzige Rolle in seiner ersten Band The Konrads, und er spielt Saxophon auf seiner Debüt-Single "Liza Jane". Bowie als Saxophonist ist ein nebensächliches Thema seines Berufslebens, aber es ist ein konsequentes – Bowie spielt das kurze, melancholische Solo in der Coda von "Changes" sowie einige der Sax auf Let’s Dance. Doch Bowie kannte auch seine Grenzen des Instruments, das er nie beherrscht hatte und das er jahrelang aufgeben würde (vor allem in den späten 60er Jahren). Er brachte manchmal einen Profi mit, wenn ein Lied prominentes Saxophon forderte, wie David Sanborn ("Young Americans"😉 und Ken Fordham (viel von Aladdin Sane).
"Neuköln" zeigt eine der ehrgeizigsten Saxophon-Performances Bowies, und die Entschlossenheit von Bowies Spiel hier kommt überraschend (Bowie nannte es später seine Lieblings-Saxophon-Performance auf Platte). Nach Bowies zwei Aufwärmläufen auf Saxophon scheint das Muster des Tracks geklärt zu sein, wobei Bowies Saxophon als gelegentlicher Kontrapunkt zu Ennos Synthesizer-Mustern dient (die zu Beginn auf sein "Big Ship" und seine Arbeit mit Cluster hindeuten), von denen einige von einer drei-Noten-Gitarrenlinie widergespiegelt werden.
Dann beginnt Bowie ein ausgedehntes Solo, das für den Rest des Tracks fortgesetzt wird. Während der Sax zunächst in den Mix eintaucht, baut er Dampf auf, bis (gegen 3:50) Bowie in eine Reihe von schreienden Läufen ausläuft, die von Ornette Coleman oder dem verstorbenen John Coltrane inspiriert sind. Bowies Saxophon schließt den Track allein aus, mit zwei klagenden fallenden Linien, die an den schwach trauernden Synthesizer zurückrufen, der zu Beginn des Tracks zu hören war.
Während der Ziggy Stardust-Ära war Bowies Saxophonspiel darauf ausgerichtet, den Sound früher Rock & Roll-Spieler zu imitieren (Bowie zielte auf den massierten Hornsound von Little Richards Band auf Tracks wie "Watch that Man"😉 oder von R&B/Jump Bluesmen, wobei der fettgetönte Earl Bostic einen primären Einfluss hatte.  Auf "Neuköln" wollte Bowie Avantgarde, aber die Grenzen seiner Technik und seiner zugeteilten Zeit gefährden die Kraft seines Spiels – es ist verblüffend, hat aber keine wirkliche Tiefe. Wie bei seinen Schwestern "Sense of Doubt" und "Moss Garden" ist "Neuköln" um Gegensätze aufgebaut:  Bowie gegen eine statische Synthesizer-Waschung. Und wie bei den anderen Instrumentalstücken gibt es auch hier ein Gefühl von Dilettantismus.
Bowie betitelte "Neuköln" nach dem südöstlichen Berliner Viertel, das hauptsächlich von türkischen Gastarbeitern bevölkert ist (Bowie lässt ein "l" aus dem Namenfallen). Daraus entstand ein hartnäckiger Mythos, dass Bowie in der Nachbarschaft gelebt hatte – er lebte in Schöneberg, obwohl es, um fair zu sein, nicht so weit von Neukölln entfernt ist. Und Bowie behauptete später, er habe für seine Performance eine "türkische Modalskala" verwendet,*, die seine Sequenzierung in "Secret Life of Arabia" sowohl passend als auch leicht lächerlich macht.
So haben mehrere Kritiker "Neuköln" gefunden, um die Isolation türkischer Einwanderer in einer rauen Stadt darzustellen, die sie ausschließlich für Die Arbeit benutzte, oder eine Überbesinnung auf den Islam im Westen (Bowies Saxophon scheint manchmal einen Muezzin-Aufruf nachzuahmeren) oder das Schicksal eines gesichtslosen, namenlosen Individuums, das in der Wiege des Kalten Krieges lebt. All diese Theorien könnten durchaus wahr sein, und das Bild eines staatenlosen Reisenden wäre von zentraler Bedeutung für Bowies nächste Platte. Aber die Spekulationen zeugen auch von der brachialen Macht der Namensgebung. Hätte Bowie stattdessen den Track "Tiergarten" genannt, würde man ihn jetzt als eine Auslegung über die Verfolgung durch die Nazis betrachten, eine verschleierte Darstellung des Mordes an Rosa Luxemburg? Ein einzelnes Wort schafft Welten.

Es bleibt also ordentlich Raum für eigene Interpretation. Beim Lesen von @Guido s Erinnerungen kamen mir ähnliche Gedanken. Mein Berlin Debut 1981 war auch geprägt von Neugierde, dem düsteren Bild schon durch den "Eintritt" über die Transitstrecke und nicht zuletzt unter dem Eindruck von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das ja damals gut präsent war und mich schwer beeindruckt hat. So kommt für mich "Neuköln" daher - spannend und doch dämpfend.

Zuletzt einige Wort zu den Sway-Tagen: Es war mir ein großes Fest @sway99 ! Als bekennende Bowiologin - jeder halt auf seine Weise - habe ich viel entdeckt, gelernt und genossen. Besonders toll fand ich deine ausführlichen und klug formulierten Einführungen (was tust du eigentlich sonst so??). Aber auch die Sway-Regeln vorab waren prima - bowielike. Das hat wirklich Spaß gemacht - danke!
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LG
Oogie
Guido
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20.06.2020, 19:36 Uhr
Ja, [i]Neuköl(l)n ist ja auf der Heroes-Symphony von Phlipp Glass - das werde ich mir jetzt mal zu Gemüte führen.
Aber das Titelstück dort ist ja auch beim besten Willen nur sehr schwierig zu identifizieren...
Wenn der Mensch vom Himmel fällt, wird er keine Sterne zählen...
Guido
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21.06.2020, 10:01 Uhr
Ich hör jetzt nochmal in Ruhe 
" target="_blank" rel="noopener">Neuköl(l)n...

...von der Heroes-Symphony und vom Album...
Wenn der Mensch vom Himmel fällt, wird er keine Sterne zählen...
sway99
SdT Orga
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