Mark Plati blickt auf die Entstehung von „Earthling“ zurück

Reinhold
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23.01.2026, 12:56 Uhr
Chaos, Jaz-Drives und ein Ein-Saiten-Solo

Wenn man heute an David Bowies Album Earthling (1997) denkt, hat man sofort diesen aggressiven, treibenden Drum’n’Bass-Sound im Ohr. Es klingt modern, digital und zerschnitten. Doch ein Rückblick von Produzent und Musiker Mark Plati zeigt, auf welch wackeligen technischen Beinen dieses Meisterwerk damals stand.

Plati teilte vor einiger Zeit seine Erinnerungen an die Sessions in den New Yorker Looking Glass Studios. Ich habe seine Anekdoten übersetzt und mit den spannenden Hintergründen zur damals verwendeten Technik ergänzt.

Der „analoge“ Überblick im digitalen Chaos

Jedes große Album beginnt mit Organisation. Mark Plati erinnert sich an eine Zeit, bevor Excel-Tabellen den Studioalltag dominierten:

Mark Plati:
Zitat:
„Früher, wenn man ein Album produzierte, nahm man einen großen Bogen Papier oder Karton und erstellte eine Tabelle, um bei jedem Song den Überblick über die Details zu behalten. (...) Diese von Dante DeSole erstellte Tabelle, die den Fortschritt des Earthling-Albums in den Looking Glass Studios dokumentiert, ziert seit Ewigkeiten die Rückseite meiner Studiotür.“

Wer war Dante DeSole? Dante war zu dieser Zeit der Assistant Engineer in den berühmten Looking Glass Studios von Philip Glass. Bowie mietete sich dort oft ein, weil er die Atmosphäre schätzte. Als Assistent war Dante das Rückgrat der Produktion: Er sorgte dafür, dass die Maschinen liefen, die Kabel steckten und - wie Plati beschreibt - dass in dem kreativen Chaos niemand den Überblick verlor.

Auf Dantes Liste fanden sich Spalten für alle Beteiligten (Reeves Gabrels, Zachary Alford, Gail Ann Dorsey, Mike Garson) und Notizen zu Songs, die es nie auf das Album schafften - wie etwa eine Neuauflage von „Disco King“. Kurioserweise fehlte einer der wichtigsten Tracks auf der Liste:

Mark Plati:
Zitat:
„Das Fehlen von ‚Last Thing You Should Do‘ [ist bemerkenswert]. Dieser Song entstand nachträglich als B-Seite - und zwar so spontan, dass wir ihn in wenigen Stunden runterspielten und uns nicht die Mühe machten, ihn in die Tabelle einzutragen (er ersetzte schließlich ‚I Can’t Read‘ auf dem eigentlichen Album).“

High-Tech auf der Kippe: Arbeiten am Limit

Was Earthling so besonders macht, ist die Produktionsweise. Plati beschreibt ein Szenario, das heutigen Produzenten den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde:

Mark Plati:
Zitat:
„Wir arbeiteten komplett in Logic, auf einem 4-Spur-System mit Jaz-Laufwerken … damals ziemliche Spitzentechnologie, auch wenn sie manchmal etwas zickig war.“

Hier lohnt sich ein technischer Deep Dive, um zu verstehen, wie revolutionär und riskant das war:

Logic als Aufnahmemedium: 1996 nutzte man Computer meist nur für MIDI (Synthesizer). Audio wurde auf Band aufgenommen. Plati nutzte die Software Logic Audio (damals noch von der deutschen Firma Emagic) jedoch als „Hard Disk Recorder“. Das ermöglichte erst das wilde Zerschneiden und Neuarrangieren der Beats, das den Sound des Albums prägte.

Das 4-Spur-Nadelöhr: Die Hardware war limitiert. Sie konnten oft nur 4 Audiospuren gleichzeitig abspielen. Für ein Bowie-Album ist das extrem wenig. Sie mussten ständig Spuren zusammenmischen („bouncen“), um Platz für neue Ideen zu schaffen.

Die berüchtigten Jaz-Drives: Festplatten waren teuer. Deshalb nutzte das Team Iomega Jaz-Laufwerke mit wechselbaren 1-Gigabyte-Kassetten. Diese Dinger waren laut und mechanisch unzuverlässig. Und genau diese Technik forderte ihren Tribut, wie Plati beichtet:
Zitat:
„Zu den ‚Highlights‘ gehört unter anderem, dass ich versehentlich einen Teil der Lead-Vocals vom ersten Entwurf von ‚Dead Man Walking‘ löschte. (...) David war das egal, er sang es einfach noch einmal ein.“

Der Datenverlust lag vermutlich an der Trägheit der Jaz-Drives oder einem Software-Glitch. Doch dieser Unfall hatte etwas Gutes: Er überzeugte das Team, aufzurüsten.

Mark Plati:
Zitat:
„[Der Vorfall] überzeugte uns davon, auf ein 8-Spur-888-System aufzurüsten.“

Damit meint Plati das Digidesign 888 Interface. Das war der Schritt in die Profiliga. Statt wackeliger Bastel-Lösungen bot dieses 19-Zoll-Gerät 8 Ein- und Ausgänge in höchster Studioqualität und lief stabil mit Pro Tools. Bowie investierte in die Technik, und der Workflow war gerettet.

Titten, Explosionen und ein Ein-Saiten-Solo

Neben der Technik war es vor allem die Atmosphäre, die Earthling prägte. Plati beschreibt „kleine Insider-Witze“, ausgelöst durch Lagerkoller. Notizen wie „Tits and Explosions“ auf der Studiotafel zeugen von der ausgelassenen Stimmung zwischen Bowie, Plati und Reeves Gabrels.

Auch musikalisch wurde experimentiert:

    [li]Der Text zu „Little Wonder“: Inspiriert von einem Disney-Katalog, den Plati im Studio herumliegen ließ.[/li]
    [li]„Looking For Satellites“: David bat Reeves Gabrels, das Gitarrensolo komplett auf nur einer einzigen Saite zu spielen.[/li]
    [li]„Battle For Britain“: Pianist Mike Garson bekam die Anweisung, sich Strawinsky anzuhören, bevor er das Solo einspielte.[/li]

Ein Album, das Leben veränderte. Zum Abschluss teilt Plati noch eine emotionale Erinnerung an den Moment, als ihm klar wurde, woran er da eigentlich arbeitete:

Mark Plati:
Zitat:
„Ich weiß noch, wie ich Dante eines Tages ansah und sagte: ‚Mann, wir machen hier tatsächlich ein echtes Bowie-Album. Das ist unglaublich.‘ Was ich damals noch nicht wusste: Es war erst der Anfang einer ganzen Reihe unglaublicher Erlebnisse mit Mr. Jones.“

Earthling bleibt ein fasziniertes Zeitdokument. Es ist der Sound einer Band, die mit der damals neuesten Technik kämpfte, sie bezwang und dabei jede Menge Spaß hatte. Man hört, wie Plati sagt, „die Liebe, den Schweiß und das Lachen“.

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Reinhold
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